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In Magdeburg humorparaelfindesemana waren große Feste. Die Ställe der Herbergen standen voller Rosse, die Höfe voller Wagen. In der Gasse wimmelte es von Menschen; so Fremden, welche die Stadt schauen wollten, und ihre Merkwürdigkeiten, als von Bürgern und heimischem Volk, das sah sich die Fremden an, und ihre reiche Kleidung und ihre bunten Aufzüge. – Magdeburg ist eine alte deutsche Stadt. Sie ist die Hauptstadt des Sachsenlandes. Von ihr ging aus das deutsche Recht in die Städte, die im Lande der Wenden erwuchsen. Und wo ihnen das Recht ausging, sie holten es wieder vom Schöppenstuhl zu Magdeburg. Der war durch alle Welt berühmt, wo deutsche Zunge gesprochen ward. Und der Magdeburger Gewerbfleiß und ihre Reichthümer wurden durch den Handel, der von je an hier blühte, weithin versandt, durch alle slavischen Lande, bis zu den Griechen, das sind die moskowitischen Reußen, ja bis nach Asien, und zu den Schweden und Finnen. Ein Kaufherr in Magdeburg, das war ein Mann; und ihre Kaufläden in den langen, krummen Straßen, mit den hohen und schönen Gibelhäusern, die strotzten so voll von schönen, kunstreichen und seltenen Dingen, daß die Leute aus Berlin und Prenzlow wohl Stundenlang davor stehen mochten, und das Maul aufsperren, und konnten sich doch nicht satt sehen.

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Alles, was in Deutschland gefertigt und erzeugt wird, durften die Magdeburger in's Slavenland fahren zum Verkauf von Alters; nur nicht Helme und Schilde, nicht Schwerter und Lanzen, und was einen Mann waffnet auf deutsche Art. Das hatte ihnen untersagt Kaiser Karl der Große. Damit die Wenden nicht deutsche Waffen führten gegen die Deutschen. Nun aber das Slavenland deutsch geworden, und die Marken des Reiches hinausgerückt waren, weit hin, zur Oder, und drüber bis zur Weichsel, führten die Magdeburger gar oft deutsche Waffen in das ehemalige Land der Wenden. Nicht zum Verkauf, sondern zum Schlagen. Die Magdeburger und die Märker waren böse Nachbarn geworden, und wo in Brandenburg etwas los ging, waren die Magdeburgischen dabei und zur Hand, und ihr Oel gossen sie nicht in die Wunden, sondern ins Feuer. Die Brandenburger gaben's ihnen zu Zeiten wieder. Das glich es aber nicht aus, es mehrte nur den Unfrieden.

Wer das reiche Magdeburger Land sieht, der weiß wahrhaftig nicht, was große Lust sie haben konnten nach unsern dürren Sandfeldern und kalten Seen, nach unsern Schlössern, die waren nicht reich und schön, und nach unsern Städten, die mußten die großem Steine selbst zu ihren Kirchen von den Magdeburgern kaufen. Aber Reichthum macht stolz, und wer viel hat, will noch mehr. Sie hatten doch einen Fluß, den größten im deutschen Lande, ohne Donau und Rhein, und sie hatten das Stapelrecht, und was auf der Elbe gefahren kam, aus Meißen und Böhmen, und das, was aus der Nordsee und von Hamburg kam, mußte bei ihnen auslagern und Markt suchen. Das zog viel Hunderttausende jährlich nach Magdeburg. Und dazu hatten sie ihre Kirchen und Klöster und den herrlichen Dom, an dem hundert und fünfzig Jahr gebaut worden, und darüber; und Heiligthümer und Reliquien, die zu schauen die Frommen aus allen Weltenden herbeiströmten; und ihr Erzbischof, der der Erste im Reich war nach den Dreien von Mainz, Köln und Trier, hielt einen fürstlichen Hof und zahllos waren seine Vasallen, und reiche Städte standen unter dem Erzstift; und dieser Erzbischof hatte ihnen die Heermesse gegeben, zu Ehren des heiligen Märtyrers Mauritius oder Moriz, und zur Zeit, wo sie anhub, strömte es von nah und fern herbei, um dem Hochamt beizuwohnen und den Processionen und dem Markt, der dann gehalten wurde, und es ward so viel Geld da gelöst, manches Fürstentum wär' dafür feil.

So viel hatten die Magdeburger, und konnten so viel gewinnen, und waren doch nicht zufrieden. Aber der Ursachen giebt's mannigfache, warum Bürger und Völker nicht zufrieden sind. Den Einen geht es zu schlimm, den Andern zu wohl. Hätte man einem Magdeburger gesagt, daß es ihm wohl gehe, er hätte dir eine ganze Litanei vorgeklagt, und es war nichts erlogen. Wie stritten sie sich und vertrugen sich mit ihrem Erzbischof. Bald durft' er nicht in ihre Mauern hinein, und wo er sich blicken ließ, warfen sie ihm Steine an den Kopf; bald waren sie ein Herz und eine Seele, und wollten ihn nicht von sich lassen und lösten ihn mit schwerem Gelde, wenn er gefangen war von den Feinden. Dann stritten sie mit dem Adel, der ringsum saß, ließen sich von ihm zwicken und zwacken, und ihre Heerden forttreiben, und brannten ihm dafür seine Dörfer nieder und zerstörten ihm seine festen Schlösser. Und dann waren sie wieder mit ihm einig, und stritten in einer Reihe wider die Nachbarn in Sachsen, Braunschweig und Brandenburg, oder machten verschlungene Hände gegen einen Erzbischof, der ihnen beiden zuwider war, so Adel als Bürgern. Aber wäre nur in der Stadt selber immer Friede gewesen! Da hoben die Zünfte ihre Arme auf wider den Rath, lästerten, schrieen, und Lanzen und Pickelhauben dröhnten durch den breiten Weg und um den neuen Markt. Da vertrieben sie ihre Geschlechter, aber die Geschlechter kamen wieder, und drückten ihre eisernen Hände auf die Gemeinen. Da, so der Stadt Uebles widerfuhr, Kriegsnoth, Pest, Bann, Theurung, Hungersnoth und Ueberschwemmung, und die Ungeduld fuhr in sie, die sonst stark waren in der That und in der Ausdauer, wußten sie's allezeit Einer auf den Andern zu schieben; und es setzte blutige Köpfe; ja sie haben sich nicht allein ausgetrieben, geächtet und geschlagen, auch Scheiterhaufen richteten sie auf dem Markte auf, und die Ueberwundenen wurden verbrannt. So hat's oft den Anschein, daß Einer glücklich ist, und in seinem Hause sieht's schlimmer aus, als bei dir selbst. Und wahrhaftig, es waren Wenige im deutschen Reich, die nicht die Magdeburger beneiden durften; und es galt wohl von ihnen das Wort: Wem zu wohl ist, dem thut auch der Floh weh.

Was die vielen Fremden diesmal in die Stadt geführt, wußte eigentlich Niemand. Es war Friede seit Kurzem, und ein feiner und kluger Herr saß auf dem Fürstenstuhl, Erzbischof Otto; der war ein geborener Landgraf zu Hessen. Zur schlimmen Zeit war er gewählt worden, als der Bann aus Rom über dem Stifte und der Stadt schwebte, und Theurung und große Noth Stadt und Land drückte. Er hatte, was an ihm, das Schlimme wieder zum Besten gekehrt; und war's ihm gelungen, daß der Bann wieder gelöst wurde, was jedoch der Stadt schwere Kosten gemacht. Und dieweil er die Bürger gewähren ließ, in ihrem alten Streit wider den Rath und Geschlechter, was dahin endete, daß, vom Jahre 1330 ab, die Rathmannen nicht mehr aus den Geschlechtern, sondern bis auf zwei aus der gemeinen Bürgerschaft gewählt wurden, worauf viele Adelige und Geschlechter, die damit unzufrieden waren, die Stadt auf immer verließen. Derweil er also darin dem Willen der Bürger nachgab, und sich Liebkind bei ihnen machte, wußte er's geschickt anzufangen, daß sie um die eine Freiheit, so er ihnen gab, die andern einbüßten. Nämlich: um die Mühe, die er sich genommen, sie vom Banne los zu machen, mußten sie ihm huldigen, und sie thaten es dazumal gern, und bedachten nicht, was sie einbüßten. Die Magdeburger wären ohnedem reichsfrei geworden, als es manche bischöfliche Stadt wurde, und Bremen und Lübeck sind es noch.

Erzbischof Otto war fein und klug, er war aber auch streitbaren Sinnes; nicht so, daß er Händel anfing aus Lust an Händeln und drauf losschlug, wo ein Anderer die Faust aufhob. Ehe er das Schwert aus der Scheide zog, hatte er scharf zugesehen, wie stark der Andere war, und was er hinter sich hatte. So war's ihm gelungen, daß er dem Stifte wieder gewann, was unter seinem Vorgänger verloren gegangen, und noch mehr. Es war keine Fehde mit den Braunschweigern und mit den Meißenern, noch wer seine Nachbarn waren, wo nicht das Stift eine Stadt, ein Schloß, ein Ländlein gewann. Verstand er aber im Krieg zu handeln, daß er allzeit zu seinem Vortheil ausschlug, so noch geschickter, wo es Kaufen und Tauschen galt. Da wuchs unter seinem Regimente des Stiftes Ansehen, und manche große Dinge wurden in Magdeburg verhandelt, und wo er zugegen war, daß Fürsten tagefahrteten. Ja, wo er ein Fest besuchte und eines gab, da meinten die Leute, es müsse etwas dahinter stecken. Ohne Absicht that er Nichts.

Nun war Friede, als ich gesagt, für die Magdeburger. Nicht die Bürger, nicht der Adel, nicht der Bischof hatten Fehde. Die vielen großen Herren, um was mußten sie in dieser Woche grade den Erzbischof besuchen? fragten die Bürger. Vom Kaiser aus Böhmen waren Boten eingetroffen, Andere waren dahin geritten. Also meinten sie, es gelte etwas Großes, und riethen auf den Römerzug, den Kaiser Karl IV. vorhatte, und die vom Hofe widersprachen dem nicht. Ein Römerzug kostet immer viel, und hat nie dem deutschen Lande etwas eingebracht.

Da standen auf dem Markte Mehre beisammen, unfern von dem steinernen Bild, das sie dem großen Kaiser Otto zu Ehren gesetzt, welcher vor Alters die Stadt insonders geliebt, und sie mit schönen Kirchen und Klöstern ausgestattet, und ihr Privilegien und Freiheiten geschenkt, mehr als einer Stadt in Deutschland. Und sein Weib, Kaiserin Editha, von Engelland, ruht noch daselbst in der Gruft im Dom, weil sie im Leben Magdeburg mehr als eine Stadt in Deutschland geliebt, denn es dünkte sie dort, als sei sie in ihrem London, und die Gegend an der Elbe sei wie die an der Themse. Dort standen Viele beisammen, und mußten Platz machen, denn ein Reiterzug, mit Trompeten voran, ritt vorüber, und ein alter stattlicher Herr nickte dem Volk, wo sie ihn grüßten. Er war Herzog Rudolf von Sachsen, und der ihm zur Seite ritt, war der alte Graf von Anhalt Dessau, auch in einem fürstlichen Gewande. Beide ritten zum Mittagtisch, es sollte hoch her gehn an des Bischofs Tafel. Alle Pfeifer und Geiger aus der Stadt waren dazu beschieden.

Da, wo Einige den Herren Freudiges zuriefen, zischten Andere. Das ist so Menschenart. Wo war unter so Vielen Einer, dem nicht der oder jener von den Herren ein Leid angethan, oder er hatte es durch seine Leute erfahren. Und wo Die ihm langes Leben wünschten, schrie Der ihm zu, daß er sich den Hals breche. Die Fürsten machten sich nichts draus oder lachten. Wer hätte einem freien Bürger das Maul verbieten wollen! Ja heut, wo Alles gedruckt wird, was man denkt, ist man im Sprechen fürsichtiger. Hätte man das alles schwarz auf weiß zu lesen, was dazumal gesprochen und geschimpft ward, gegen die Fürsten und Magistrate, sie glaubten die Welt müßte untergehn. Und sie stand sicher und fest, und die Herren und Obrigkeiten schickten sich und waren zufrieden, und ihr Ansehn war groß.

Da wurden allerhand Meinungen zu Tage gebracht; an den Römerzug wollten die Wenigsten glauben: »Wann sammelten sich die Fürsten, sprach Einer, zu einem Römerzug in Magdeburg? Welschland liegt gen Mittag und Magdeburg gen Mitternacht.« Andere wollten es doch von wichtigen Personen gehört haben, die am Hofe des Erzbischofs sind.

Jener lachte: »Um deswillen, so ichs vorher geglaubt hätte, nun glaubte ich's nicht. Was ein Pfaff im Schilde führt, das vertraut er nicht seinem Koch und Kellermeister. Denkt an den Burchard! Was der sagte und versprach, da kam man immer zurecht, so man das Gegentheil glaubte; und wenn er einen Eid leistete auf Heiligengebeine, da wußte man, er würde ihn morgen brechen.«

Die Andern schwiegen und sahen ernst aus. Es that nicht gut, an den Erzbischof Burchard zu erinnern, um den die Magdeburger in Bann und Interdict lagen, und erst vor wenig Jahren waren sie losgesprochen. Er hatte sie geplagt und betrogen, und gebrandschatzt und geschunden, Einen um den Andern, Bürger und Rath, und Vasallen und Adel und sein eigen Domcapitel, bis sie sich alle zusammen gethan, und schwere Vergeltung an ihm geübt. Sie hatten ihn gefangen genommen und Alle auf die Reliquien geschworen, ihn nicht wieder frei zu geben. Und den Eid hielten sie. Der Burchard sah nicht mehr das Licht der Sonne. Vom Rathhaus ward er fortgeschleppt in ein Gewölbe und vier wilden Gesellen übergeben, die sollten Wärter des Eides sein, den die Bürgerschaft sich gethan. Die Gesellen lachten höhnisch, und schworen's, der Eid solle ihrer sein. Dann rissen sie ihn in einen Keller hinunter, und schlugen ihn mit einem Eisenriegel todt. Er hatte es verdient, aber es kam der Stadt schwer zu stehn.

Ein alter Mann sagte nach einer Weil: »Es wär besser worden um Magdeburg, so wir bei unserm ersten Schluß wären stehen geblieben. Blut fordert Blut und ein Mord ist nimmer gut.«

»Was war das?« fragten Einige; denn die Sache war nun drei und zwanzig Jahr alt. Der Bürger erzählte es ihnen, daß die Meister in den Gewerken damals, und die Rathmannen hatten's gebilligt, einen Käficht zimmern wollten von Balken. Der sollte auf freiem Markte stehen und da hinein wollten sie den Burchard sperren, ihm zum Hohn und der Stadt zur Genugthuung, daß sie ihn preßten, als er sie gepreßt. Da wäre kein Blut geflossen und die Sache wäre gut geworden. Denn der Erzbischof im Käficht wäre Erzbischof geblieben, und hätte ihnen Alles zugestehen müssen, was sie von ihm forderten. Da stimmten Mehre bei, und die finstern Gesichter wurden wieder fröhlich. Zumal als ein Anderer sie an den Käficht erinnerte, den die Bürger, es war nun auch beinahe hundert Jahre her, für den Markgrafen von Brandenburg gezimmert, den sie bei Frose in der Schlacht gefangen genommen, und das sei ihnen so gut ausgeschlagen.

An gute Dinge, die einer Stadt Ehre bringen, sind die Bürger gern erinnert. Darum traten sie zusammen und horchten Einem zu, der Denen um ihn den Vorfall erzählte, und weil immer mehr kamen, die es hören wollten, mußte er immer wieder von vorn anfangen. Man sahs ihm aber an, er that es gern, und wußte sich etwas; denn er war angestellt im Keller des Erzbischofs. Darum dünkte er sich mehr, und hatte auch wohl vom süßen Weine mehr getrunken als nöthig war.